Gespräch mit Ole v. Beust

 

Gespräch mit Ole v. Beust

Klartext - Jugendliche fragen nach

18. Juni 2009

Nicht nur einen Blick in die »große Welt der Politik« will die neue Reihe der Körber-Stiftung bieten. »Klartext – Jugendliche fragen nach« möchte auch Impulse gegen Politikmüdigkeit geben und Schülerinnen und Schüler motivieren, sich auf diesem Feld zu engagieren. Es soll keine Polit-Show wie „Ich kann Kanzler“ sein, so Dr. Lothar Dittmer vom Vorstand der Körber-Stiftung, sondern eine Auseinandersetzung mit Volksvertretern, bei denen das politische Argument im Vordergrund steht. Ideal sei es, wenn diese Idee, die von den Jugendlichen eigenverantwortlich umgesetzt werde, auch in den Schulen weiter wirken würde, um dort durch lokale Begegnungen den Alltag von Politik kennen zu lernen und politisches Engagement bei Schülern zu fördern.

In der Auftakt-Veranstaltung stand Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust im KörberForum Rede und Antwort. »Hamburg wächst – größer, grüner, gerechter?« hieß das Thema. In der ersten Fragerunde ging es um das Wechselspiel zwischen Okonomie und Ökologie. Anschließend wurden die Integrations-Probleme in der Hansestadt thematisiert. Zu beiden Themenkomplexen hatten die Jugendlichen vorab zwei Filme erstellt, die erste Stichpunkte für das anschließende Gespräch lieferten.
Aufgrund des Klimaschutzkonzeptes der EU wurde Hamburg für 2011 als Umwelthauptstadt ausgewählt. Das ehrgeizige Ziel, das der Senat mit dieser Auszeichnung verbindet: bis 2020 den CO2-Ausstoß um 40 Prozent zu senken. Nicht nur hier zweifelten die Schüler. Auch angesichts des geplanten Kohlekraftwerks Moorburg, der Elbvertiefung und schlechter Radwege fragten sie sich, ob dieses Prädikat überhaupt angemessen sei.

Noch sei zwei Jahre Zeit, an weiteren Verbesserungen zu arbeiten, konterte Ole von Beust. Zunächst müsse berücksichtigt werden, dass ökologische Verbesserungen überhaupt nur über eine funktionierende Ökonomie finanzierbar seien. Vieles, was hier erreicht wurde, sei aber schon jetzt vorzeigbar. So sei eine große energetische Gebäudesanierung vorangetrieben worden und auch die Elbvertiefung sei durch die damit verbundene Förderung des CO2-reduzierten Schiffsverkehrs ökologisch sinnvoll. Zur Kritik am Bau des Kohlekraftwerks Moorbug gab er zu bedenken, dass die Industrie auf eine gleichmäßige energetische Grundversorgung angewiesen sei. Dafür reichten die Kapazitäten von Wind und Sonne allein nicht aus. Von Beust plädierte deshalb zusätzlich für verlängerte Laufzeiten von Atomkraftwerken, weil mögliche Neuerungen im Bereich regenerativer Energien erst in 20 Jahren entsprechende Kapazitäten liefern könnten. Deswegen seien hier Übergangslösungen nötig. Selbstkritisch räumte er ein, dass die Radwege in der Hansestadt bestenfalls »ausreichend« seien. Hier sei aber schon ein neues Radwegprogramm in Vorbereitung, dass zusätzliche 15 Kilometer bringe. Gleichzeitig würden bestehende Wege umfangreich saniert.

Beim Thema »Integration« wurde von Beust gefragt, ob dem Senat hierfür die Mittel oder das Bewusstsein fehle. »Weder noch«, meinte der Bürgermeister. Auch hier sei bereits viel getan worden. So seien die Grundschulklassen in Problemgebieten verkleinert und gleichzeitig die Anzahl der Kindertagesstätten erheblich vergrößert worden. Wichtig sei es auf jeden Fall, möglichst früh die deutsche Sprache zu lernen. Nur so ließe sich ja mit dem Nachbarn kommunizieren. Damit sich die Chancen in der Gesellschaft verbesserten, müsse vor allem Eltern vermittelt werden, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist. Hier gebe es neue Überlegungen, Vorbilder aus der eigenen kulturellen Gruppe zur Beratung in die Familien zu schicken. Wichtig sei aber auch, das Lebensumfeld im eigenen Kulturkreis zu durchbrechen. So gäbe es Vorschläge, durch die Vergabe von städtischen Wohnungen an Studenten, auf der Veddel die Bevölkerungsstruktur stärker zu durchmischen. Integration sieht von Beust als Querschnittsaufgabe aller Ressorts an, eine eigene Behörde lehnt er ab.

Ob denn die Politik mitschuldig an der Politikverdrossenheit sei, wollten die Schüler abschließend vom Ersten Bürgermeister wissen. Von Beust bejahte das, räumte aber auch ein, dass die Gratwanderung zwischen Helfen und Heraushalten, und dabei der jeweiligen Erwartung der Bürger gerecht zu werden, für die Politik oft schwierig sei. Wie sich Politiker mitunter aber auch über Eitelkeiten präsentierten, das schrecke viele Leute doch ab.
Zur neuen Veranstaltungs-Reihe der Körber-Stiftung meinte von Beust, es sei ein interessanter neuer Weg, um bei Jugendlichen ein Grundinteresse für Politik zu entwickeln. Jeder sollte sich doch einmal fragen, was er selbst dazu tun könne, damit sein Lebensumfeld in 20 Jahren so aussieht, wie er es sich vorstellt. Damit könne schon in der eigenen Schule begonnen werden. Allerdings: Wer sich nicht engagiere, könne auch nichts beeinflussen.

Die nächste Veranstaltung findet am 17. November 2009 im Körberforum statt. Gast wird der Hamburger Justizsenator Dr. Till Steffens sein. Aus dem Gymnasium Buckhorn können wieder 4 Schüler daran teilnehmen.

www.koerber-stiftung.de/bildung/audio-podcast/podcast-details-bildung/artikel/klartext-jugendliche-fragen-nach-1.html