La Rochelle

Endlich: Es war der 26. März, Ende der zweiten Stunde im Kunstunterricht. Unsere Lehrerin ließ uns zehn Minuten früher aus dem Unterricht gehen.

Wir rannten zum U-Bahnhof Buckhorn und positionierten uns mit sämtlichen „Bienvenue“-Schildern am Bahnsteig. Kaum war eine Viertelstunde verstrichen, fuhr die U-Bahn gemächlich die Haltestelle an. Mit müden Gesichtern und schweren Koffern stiegen fünfunddreißig französische Schüler mit ihrer Lehrerinnen und Frau Kaiser und Frau Jöhnk aus.

Die Namen der Franzosen wurden aufgerufen und jeder durfte „seinen“ Franzosen abholen. Zur Begrüßung probierten einige gleich die französischen «bises» (Küsschen) aus, was eine interessante Erfahrung war, denn sonst kannte man sie nur aus dem Französischbuch. Dann begann das, worauf wir schon ein halbes Jahr sehnsüchtig gewartet hatten, wofür wir mühselig Stadtführer gebastelt hatten, fleißig Briefe geschrieben und Telefonate geführt hatten: Der Austausch mit den französischen Schülern aus La Rochelle.

Nachdem wir eine Stunde Mathe und eine Schulführung hinter uns gebracht hatten, wurden wir von Eltern und Großeltern abgeholt und nach Hause chauffiert. Dort konnten sich die Franzosen erholen, duschen und ihre Sachen auspacken. Einige von uns gingen am gleichen Tag mit ihren Austauschpartnern ins AEZ, wo sich die weiblichen Gäste stark beeindruckt von dem „schrecklisch mehr groß“ H&M zeigten.  

Am nächsten Tag durften die französischen Schüler Stippvisiten in unseren deutschen Unterrichtsstunden machen. Unseren Chemielehrer bezeichneten sie als „witsig“ und die Siebtklässler, wo sie auch im Unterricht waren, als „niedlisch“.

 Am Freitag machten wir alle gemeinsam einen Ausflug in die Hamburger Innenstadt, wo wir eine Führung auf den historischen Spuren der Franzosen in Hamburg machten und anschließend von Herrn Ram im Rathaus mit Orangensaft und Mineralwasser nett empfangen wurden.

Die Gruppen wurden auch durch das Rathaus geführt und nicht nur die Franzosen lernten dabei etwas Neues über Hamburg.   Wenn wir nachmittags gerade keine Ausflüge machten, durften wir „en famille“ sein, wie auch am Wochenende, wo Ausflüge ins Kino, ins Schwimmbad oder nach Hagenbeck gemacht wurden. Meine Austauschpartnerin war eine eher zurückhaltende, wortkarge Person, die immer um Punkt sieben Uhr ins Bett ging, ohne auch nur ein kleines „güte Nascht“ zu hauchen, während andere Schüler von uns noch bis Mitternacht mit ihren Franzosen wach blieben und sich unterhielten.  

Am Montag machten beide Französischklassen mit den französischen Austauschschülern einen Ausflug nach Lübeck und Travemünde, zu den anderen Ausflügen kamen nur die Schüler mit, die einen Austauschpartner hatten.  Zuerst waren wir in Lübeck und machten dort eine Führung.

Die Marienkirche dort war besonders beeindruckend, sie ist mit schönen Malereien verziert, alt und sehr groß: Der Orgelspieler braucht zehn bis fünfzehn Minuten und muss sogar einen Abstecher auf das Kirchendach machen, um zu der gewaltigen Orgel zu kommen, deren größte Pfeife 25m hoch ist und die kleinste 6cm, wie uns die Führerin erzählte.

Und auch in Lübeck ist ein Stück Frankreich enthalten:
Das Kanzelpodest ist aus französischem Sandstein. Nach der Führung durften wir zwei Stunden alleine mit unseren Franzosen in der Hansestadt herumlaufen.

Zuerst waren meine Freundin und ich alleine mit Léopold und Raphaelle unterwegs, doch als wir uns kurz umdrehten, waren wir zu acht. Wir waren kurzerhand zu Franzosensittern ernannt worden und mussten auf eine Meute französischer Schüler aufpassen, was starke Nerven kostete, denn ständig gingen sie verloren oder wollten sich „eine Bröttschen“ kaufen.

Als wir uns nach dem Bummel bei den beiden Reisebussen wieder trafen, ging es los nach Travemünde.  Dort angekommen, gingen wir gemeinsam zum Strand und verbrachten dort den Rest des Nachmittages. Eine Französin ist dabei ins Meerwasser gefallen, weil sie von einem Steindamm abrutschte. Meine Austauschpartnerin ist wieder zu Hause gleich ins Bett gefallen und hat zwölf Stunden durchgeschlafen.

Am nächsten Tag nach der Schule machten wir in der Sporthalle ein Hockey- und ein Fußballturnier, welches aber eiligst vorbei ging. Leider war am Abend schon die Soirée d’Adieu. Ein großes Büffet wurde aufgedeckt, wir sahen uns ein Video über La Rochelle an, der Chor trat auf und ein paar Französinnen führten einen seltsamen Tanz namens „Madison“ auf.

Es war ein sehr unterhaltsamer Abend, andererseits aber auch ein trauriger, denn wir wussten, dass am nächsten Tag Zeit zum Abschiednehmen war. Zum Verdruss von Raphaelle war die Abschiedsfeier erst um zehn Uhr zu Ende, worauf sie todmüde zu Hause einschlief und am nächsten Tag kaum aus den Federn kam. Die Deutschen hatten einen normalen Schultag und die Franzosen arbeiteten an einer Zeitung.

ach der Schule wurden die letzten Koffer gepackt und am Abend um halb acht machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Hauptbahnhof. Während einige sich schnell an der U-Volksdorf mit den „Bises“ verabschiedeten, liefen andere am Hauptbahnhof noch dem Nachtzug nach, bis aus den Lautsprechern „Bitte nicht neben den Zügen herlaufen“ erklang. Wir freuen uns schon, dass wir im Herbst unsere Franzosen wieder sehen dürfen. Ob ich mich daran gewöhnen kann, um sieben ins Bett zu gehen?    

 

Carlotta Hübener 1.12.2008 9B