Was tun?

Wir wissen nicht genau, welche Eindrücke die Franzosen aus unseren Familien mitgenommen haben, aber als wir schließlich zu ihnen in die Familien kamen, konnten wir den Kontrast etwa so deutlich spüren wie wahrscheinlich unsere Austauschschüler vor einem halben  Jahr bei uns.

Auch wenn man bestimmte Strukturen im französischen Familienleben von Zuhause wiedererkannte, das meiste war neu und ungewohnt.

Aber jeder von uns erlebte die ersten Eindrücke in seiner Gastfamilie anders: Während einem Schüler zuallererst herzlich die komplette Großfamilie vorgestellt und  die verschiedenen Funktionen der Dusche erklärt wurden, saß ein anderer Schüler erst einmal schweigend bei einer Tasse Karameltee (und dem ohrenbetäubenden Schnarchen des Vaters aus dem Wohnzimmer) in der Küche (der Smalltalk war leider aufgebraucht…), wiederum ein anderer Schüler wurde komplett von seinem Austauschpartner ignoriert, während die Eltern verzweifelt versuchten, ein von wilden Gesten untermaltes, bilinguales Gespräch auf die Beine zu stellen.

Aber in einem waren sich alle Deutschen einig: Eine Nacht später und frisch geduscht sah die Welt schon ganz anders aus. Doch beim Frühstück kamen schon die nächsten Unsicherheiten auf:

Wo ist mein Teller (Die meisten Franzosen frühstücken ohne Teller)?

Muss ich mein Croissant auch in den Tee tunken (schmeckt schließlich nicht jedem…)?

Ist das da auf dem Tisch eine Müslischale oder eine große Tasse ohne Henkel (nicht alle waren mit der Original-französischen „bol“ vertraut)?

Erstaunlicherweise stand bei jeder Gastfamilie Nutella auf dem Tisch und auf eine beunruhigende Weise kam uns das etwas zu vertraut deutsch vor...

Als viele von uns dann jedenfalls nach der altbekannten, vertrauten Nussnougatcreme griffen, nickten einige Gasteltern wohlwissend und zufrieden (Es wird vermutet, dass ein Eltern-Informationszettel von der Deutschlehrerin die Runde gemacht hat).

Als wir nachmittags aus der Schule oder von Ausflügen zurückkamen, zogen wir uns zurück, um Postkarten zu schreiben, unternahmen „Seulement-Allemands-Ausflüge“ in die Stadt, lasen in dicken Romanen oder spielten mit unseren Handys herum.

Da wir fast jeden Tag das Mittagessen  der Kantine (Spinat, Linsen, Kasseler) über uns ergehen lassen mussten, saßen wir erst beim Abendbrot zusammen mit unserer Gastfamilie am Tisch.

Das Abendessen war (neben den gekauften Brötchen von Ausflügen) unsere Hauptmahlzeit,  da viele Schüler den kulinarischen Aufwärmkünsten der Kantinenarbeiter nicht recht über den Weg trauten und kaum etwas anrührten. Manchmal wurden nicht alle vom Abendessen satt, aber zum Glück war es abwechslungsreich genug:

Es gab Austern, Pommes, Crêpes, Weißkohlauflauf, Shrimps, Pizza, Tortellini, gebackene Tomaten, eingelegte Hühnchenkeulen,  Makkaroni und vieles mehr. Eine weitere Spezialität, jedoch ganz für sich, waren die original französischen Schnecken, in deren Genuss auch einige von uns kommen durften.

Jeder erlebte diese glücklich-glitschige Begegnung jedoch anders. Ein paar versagten schon bei der „Auspack“-Technik: Man muss das Schneckenhaus in die Hand nehmen, mit einem Spezial-Zahnstocher in das Fleisch stechen, das tote Tier sorgsam herausziehen und dann mit einem Messer die Kalkschicht am Kopf der Schnecke abschneiden.

Die meisten von uns waren schon leicht angeekelt, schluckten aber aus Höflichkeit jede Schnecke einzeln und bedächtig herunter, doch es soll auch tatsächlich Schüler gegeben haben, die sich begeistert über die kleinen, hilflosen Tierchen hermachten!

Natürlich waren wir nicht nur beim Essen mit den Familien zusammen, denn sonst hätte es kaum Zeit für die ganzen Missverständnisse und Unverständlichkeiten gegeben:

Ein Vater, von Beruf Erdkundelehrer, redete die ganze Woche von Schulbüchern und steckte dem Gast am Ende verschwörerisch zwinkernd ein französisches Erdkundebuch zu, während eine Französin bei einem Gespräch über Deutschland plötzlich verzweifelt nach einem deutschen Wort suchte, es im Wörterbuch nachschlag und stockend eines der am wenigsten erwarteten Wörter hervorbrachte (Waschpulver!?), wiederum in einer anderen Familie wollte sich ein Gast ganz friedlich ein paar Weintrauben in den Mund stecken, wurde aber ganz hysterisch von den Eltern unterbrochen und bekam ein paar andere gereicht.


Zwar kam uns einiges in den Familien ein wenig seltsam vor (das meiste konnte man jedoch zu den typischen französischen Gewohnheiten zählen), aber im Großen und Ganzen war es ausgesprochen nett, wie fürsorglich wir von den Eltern bemuttert (und bevatert) wurden. Es gab sogar das Angebot, beim nächsten La Rochelle-Besuch  wieder von der Familie aufgenommen zu werden und beim  herzzerreißenden Abschied gab es mütterlicherseits vereinzelte Tränen. Die Austauschpartner mussten zu dieser Zeit leider in der Schule sein. Aber wer weiß: Es heißt ja, man sieht sich immer zweimal im Leben (in diesem Fall auch dreimal)…

Von Carlotta Hübener, 3. 11., 2008 9b