Performance

Geteiltes Leid gleich halbes Leid?

Einsamkeit, Verlust, Gewalt. Was ist deine größte Angst, was sind deine Werte, wer bist du? (-Die Parallelwelt SIGNAS stellt dich auf die Probe)

Und als ich nachts um zwei die erdrückende Kraft, der in der Fabrikhalle scheinbar allgegenwärtige „Dolores“ (Phantasma, die das Leid „wach hält und nährt“) auf meiner Brust spürte, und mein Atem flacher wurde, während meine eigenen Gedanken zu dem Motiv Angst von einer fremden Stimme in dem Saal hallte, verstand ich den Titel dieser Performance.

Performance. Das war das große Wort, mit dem Herr Marx den „darstellendes Spiel“ Kurs der Oberstufe gleich zu Beginn der ersten Stunde konfrontierte. Eine andere Art Theater mit mehr Freiheiten und um so krasseren Ergebnissen. Eine extreme Version, bei der Bühne und Zuschauerraum, Schauspieler und Zuschauer zu Einem wird, das erlebten wir bei SIGNAS Performance „Das halb Leid“.

Für 12 Stunden, eine Nacht, schlüpfen wir in die Identität von Obdachlosen, Junkies, Vergewaltigten, von Zuhause Vertriebenen oder Geflohenen. Die Schauspieler, oder auch die Leidenden, werden zu unseren Mentoren, wir übernehmen ihre Identität und folgen ihrem Leben in diesem „Auffangort“. Ich werde so zu „Cayenne 2“. Es ist bald kein Spiel mehr. Wir geraten an unsere Grenzen, treten in innere Konflikte mit der eigenen Moral und verlieren bald den klaren Blick, der uns zeigt was schauspielerisches Geschick und was einfach bloß die nackte Wahrheit ist. Kein Auge wird in dieser Nacht zugetan. Riesige verdreckte Stofftiere, verängstigte Gesichter, Schläge mit einem Gürtel haschen an dem inneren Auge vorbei, das Geschrei aus der Etage unterhalb stellt eine ideale Tonspur da. Am nächsten Morgen klatscht der Haferschleim in die Tupper-Schüssel und ein grässlicher Gesang beendet den Schrecken. Allerdings nicht innerlich.

Mit dem ersten Schritt in die alte Barmbeker Fabrikhalle, der Ort des Geschehens dieser Nacht, sind wir in einer Parallelwelt gelandet, die sicherlich noch Jahre später unsere Gedanken kreuzen wird. In dieser Welt gibt es den Verein „das Halbe Leid“. Er stellt Obdachlosen, oder generell Leidenden, diese Fabrikhalle zur Verfügung: Hier bekommen sie essen, ein Platz zum Schlafen und können für etwas Geld „Kursisten“ aufnehmen. Die Kursisten sind wir, die, die man im Schauspielhaus oder im Thalia Theater „Zuschauer“ nennt. Hier sind wir jedoch mehr, wir beeinflussen selber zu einem gewissen Maße die Handlungen der Nacht, denn wir stehen ab sofort in ständiger Interaktion mit den Schauspielern. Der Verein setzt sich augenscheinlich zum Ziel die Empathiefähigkeit der Menschen zu stärken, indem ihre „Leidenden“ uns durch ihr Leben führen. Sie sind unsere Mentoren, während wir den Kurs der Empathie durchlaufen.
Wir bekommen ein Zettel mit Grundsätzen in die Hand gedrückt, an die wir uns halten müssen. Die wichtigsten lauteten: „Ich versuche nicht dein Leid wegzunehmen. Ich teile dein Leid.“

Die Nacht gestaltet sich für jeden anders, je nachdem zu welchem Zeitpunkt man sich wo befindet, ob die Mentoren einen viel betreuen, oder eher alleine lassen. Neben tiefgreifenden Gesprächen mit den Mentoren oder auch anderen Leidenden, sind auch die Aktivitäten mit skurrilen psychologischen Motiven von großer Bedeutung – insbesondere dann, wenn es darum geht, die Grenzen zwischen Spiel und Realität auszuwischen, und den „Zuschauern“ das Eintauchen in die Parallelwelt zu ermöglichen bzw., unumgänglich zu machen. Die Aktivitäten finden in den Vereinsgebäuden statt, auf der anderen Seite der Halle, gegenüber von den Schlafsälen. Die „Mitleidenden“, so nennen sich die Mitglieder des Vereins, betreuen diese Aktivitäten. Es gibt Musiktherapiestunden, Gesprächsrunden zum Thema Angst, Bastelstunden, und körperliche Aktivitäten wie „Herz und Stahl“. Es soll sich um therapeutische Maßnahmen für die Leidenden handeln, häufig jedoch mit sehr fragwürdigen Herangehensweisen, die das Leid der Leidenden, die z.T. schon fast süchtig danach werden, eher präsenter machen und einen Ausweg (absichtlich) unmöglich machen.

Ich hatte mir fest vorgenommen in die Ungewissheit, die in der Halle auf uns wartete, einzutauchen und nach der wichtigsten Regel des Impro Theaters zu handeln, nämlich immer „Ja“ zu sagen. Schließlich basiert die gesamte Performance zu einem, mal mehr mal weniger großen Teil aus Improvisation. Ich hatte mich wenig bis gar nicht über diese Performance informiert, ich wollte mich fallen lassen und mir nicht permanent in den Sinn rufen, dass doch alles nur ein Spiel ist. Ich betrat die Fabrikhalle mit der Intention Grenzen zu testen, mich selber besser kennenzulernen und mein Verhalten, meine Werte und Meinungen am Ende der Nacht kritisch zu hinterfragen. Mir war bewusst, so viel hatte ich über SIGNA erfahren, dass es intensiv werden würde. Doch trotzdem wurden meine Erwartungen übertroffen.

In dem Sportraum der Halle wird uns unter dem fordernden, harten kalten Blick von „Serkules“ eingebläut, was wir eigentlich alle wissen, aber sehr geübt immer ausblenden: Wir sagen und denken nicht, dass wir mehr wert sind, als einer, der auf der Straße lebt. Doch wir verhalten uns so. Wir geben dem Obdachlosen kein Geld, denn er darf nicht selber entscheiden für was er es ausgeben möchte. Wir, die „Besseren“ wissen was gut für ihn ist und geben ihm deshalb etwas zu essen. Denn wir wissen ja und verabscheuen, dass er sich Alkohol kaufen wird. Das wir damit nicht helfen ist eigentlich auch selbstverständlich. Der Alkoholabhängige wird seinen Alkohol brauchen, und wenn er kein Geld dafür hat sucht er neue Wege, welche, die ihn vielleicht noch weiter in den Sog des Leidens reißen.

In den „Musiktherapiestunden“ begreife ich ein Stückchen wie das Ganze aufgebaut ist, jedenfalls für meine Mentorin. Ich habe zu dem Zeitpunkt, es ist etwa 1 Uhr nachts, schon oft genug ausversehen den Fehler gemacht eine Bemerkung, die einen klitzekleinen Ratschlag enthält, zu machen. Ich wurde zurückgewiesen und mir der Grundsatz vor Augen geführt. Jetzt lieg ich neben meiner Mentorin und 3 weiteren Kursisten auf dem verdreckten Teppichboden, immer Füße und Kopf nebeneinander, in der Musiktherapie. Als eine Träne meine Wange runterläuft, und Cayenne daraufhin meine Hand noch fester umklammert, begreife ich, wie ich Zugang zu ihr kriegen würde. Ich müsste mich selber auch ein Stück weit öffnen, in meinem eignen Schmerz ist es mir viel besser möglich auch ihren zu spüren. Und wie die Nacht voranschreitet, die Müdigkeit und Erschöpfung der letzten 6 Stunden mich überrollt erscheint das zu tun plötzlich gar nicht mehr so abwegig.

Wieder bei „Serkules“ angekommen, jetzt aber in seinem Büro beim „Rückenwind“, erreicht das Ganze für mich seinen Höhepunkt. Hier soll ich meine Mentorin in ihrem negativen Selbstbild bestärken, indem ich ihr ihre Unsicherheiten ins Gesicht sage. Ich spüre, wie ich mich in Gedankengänge verwickeln lasse, die gegen meine eigentlichen moralischen Grundsätze verstoßen. Ich gerate in einen inneren Konflikt. Mein Vorsatz, die Tatsache, dass alles nur Schauspiel ist, auszublenden, fordert mich dazu auf so zu handeln, wie ich es auch in der Realität tun würde. Auf der anderen Seite bin ich neugierig auf den Verlauf, auf das Schauspiel meiner Mentoren und der anwesenden Mitleidenden, wenn ich mich darauf einlasse, ihren Befehlen folge, mich naiv verhalte und mich manipulieren lasse. Denn im Endeffekt handelt es sich ja trotz alledem um Theater - eine Kunst, die mich fasziniert. Nach langem Zögern flüstere ich den grausamen Satz, schäme mich und wage nicht es noch einmal zu sagen. Doch SIGNA hat mich in diesem Moment unter Kontrolle. Der aufmunternde Blick meiner Mentorin, selber so krank, dass sie das Gefühl hat es tue ihr gut und der aggressive Tonfall von „Serkules“ der mich jetzt nicht mehr so freundlich anschaut, sondern dem Schreien nahe ist, zwingen mich in die Knie. Ich wiederhole noch einmal bevor ich den Raum verlasse.

Jeder von uns erlebte diese Nacht anders, doch ich kann mit Überzeugung sagen, dass alle (jedenfalls von denen, die bis zum Ende blieben) die Veranstaltung am Morgen um 7 Uhr mit einem anderen Blick verließen, als dem, mit dem sie am Abend davor die Fabrikhalle betreten hatten. Leidende, die uns ja immer in unserem Alltag begegnen, haben plötzlich eine andere Bedeutung für mich. Denn jetzt haben sie eine Geschichte. Sie erinnern mich an den Moment, in dem ich, am Bett neben Cayenne kauernd, ihr den Flachmann in die zitternde Hand legte und ihr Geschluchze nach dem Alptraum nicht nur hörte, sondern spürte. Die Müdigkeit und Erschöpfung der vorangegangen 8 Stunden hatte mich so vereinnahmt, dass ich mit meinem Geist und meinen Gedanken nur in diesem Moment war, ich teilte ihr Leid.

Noch oft werde ich an diese 12 Stunden zurückdenken, mein Verhalten hinterfragen, zum Teil verfluchen. SIGNA hat mit dieser Performance viele Denkanstöße gegeben und ich verließ die Fabrikhalle mit gemischten Gefühlen und vielen Fragen: Was ist überhaupt Mitleid und Empathie? Nutzen wir es für unser eigenes Wohlergehen aus oder stellt es eine Hilfe dar? Wie geht man mit solchem Leid als Außenstehender um?

Doch noch mehr als das lässt die Performance die ganze Realität meiner Welt hinterfragen, denn wann steh ich denn außerhalb irgendwelcher Beurteilungen, Meinungen, die mich in meinem Denken und Handeln beeinflussen, mich in gewisser Weise manipulieren?

Elisa Leingärtner-Goth

Bildquelle: https://www.schauspielhaus.de/de_DE/kalender/das_halbe%20leid.14968420